Sonntag, 15. November 2015

Pot de Chambre und Nasszellen



Eine Ausstellung
im Dorfmuseum
beschäftigt sich z.Z. mit
 den Lebensumständen
der Menschen um die Mitte
 des vorigen Jahrhunderts.




Darunter ist  eine Sammlung 
von über 200 Nachttöpfen,
zu sehen,
die einigen Aufschluss
über die hygienischen Bedingen
jener Zeit geben.

Etwa zeitgleich bin ich über 
folgende Meldung gestolpert:

"Bei der Aufnahme eines 
einzelnen Flüchtlings sollte
 diesem mindestens ein abschliessbares, 
möbliertes Zimmer mit separater Nasszelle 
zur Verfügung gestellt werden können.
Für die Unterbringung einer ganzen
 Flüchtlingsfamilie muss mindestens
 eine Einliegerwohnung mit Küche
 und WC angeboten werden können."

Dass  Hilfswillige, die Flüchtlinge bei sich
aufnehmen wollen, eine separate 
Nasszelle anbieten müssen, 
ist Teil eines Anforderungskatalogs 
der Schweizer Flüchtlingshilfe (SFH). 
So konnte man am 15.10. 2015 mit einiger
Verwunderung den Zeitungen entnehmen.

Es zeigt, mit welcher Selbstverständlichkeit
heutzutage Errungenschaften
und Standards 
 als gottgegeben angenommen
und vorausgesetzt werden, die noch
 kein halbes Jahrhundert alt sind.

Die  Veränderungen des täglichen
 Lebens, die innerhalb  unserer 
Wohnungen  seit dem  zweiten 
Weltkrieg stattgefunden haben,
wurden rasch vergessen
und haben einer
 Anspruchshaltung Platz gemacht,
die zu verstehen mir
einigermassen schwer fällt.


Wie sah denn vergleichsweise
das Alltagsleben 
und der Wohn- und Lebensstandard
diesbezüglich hierzulande aus,
etwa zur Zeit der Kinderzüge
aus Deutschland...




...  oder
als nach dem Ungarnaufstand
im November 1956,
rund ein Viertelmillion 
Menschen in den Westen
flüchtete?




Als ich noch Kind war, war es nicht 
einmal selbstverständlich,
dass es überhaupt eine Nasszelle
 in den Wohnungen hatte.
Ja, nicht einmal jedes
Schweizerkind

Man wusch sich oft am 
Schüttstein in der Küche,
dem einzigen Ort mit fliessendem
(Kalt)Wasser in der Wohnung, ...




... badete die Kinder im Waschzuber
und suchte am Wochenende
 öffentliche Badeanstalten auf.
1889 wurde im Basler Bläsischulhaus 
das erste Brausebad (Dusche) für
 Schulen eingerichtet. Weitere Brausebäder
 folgten 1901 am Spalenring
 (Tramstation Brausebad!) und...




...  am St. Johannsplatz neben
 dem Tor im Jahr 1906.




Ein solches Badezimmer, mit
Durchlauferhitzer
für das Warmwasser,
gehörte eher schon zum
 "gehobenen Mietsegment".




Auch die Toiletten befanden
 sich oft im Hausgang 
oder im Treppenhaus und mussten
in Mietwohnungen mit anderen
Mietern geteilt werden.
Oft aber befanden sich
 die Toiletten, ( noch nicht
 an eine Kanalisation angeschlossen,)
ausserhalb des Hauses, ...




... Bengelschissi oder 
Plumpsklo genannt.


Aus dieser Zeit stammt auch noch
Nachttopf, Nachthafen oder “Potschamber”
(Pot de Chambre, wie es vornehm 
auf französisch heisst) 
der einfach unters Bett geschoben 
 und am Morgen entleert
wurde.
  Und nicht zu vergessen, geheizt 
wurde vornehmlich noch

Geheizt war oft nur die Stube und die Küche.
Die andern Zimmer waren nachts eiskalt.

Ein Umstand, dem man ... 


... mit "Bettsocken", "Bettflasche" ...



und der "Schlafmütze" zu begegnen suchte.

Dies änderte sich erst ab den 1950er Jahren.
Es dauerte aber bis weit in die 1970er Jahre,
bis zumindest eine"Nasszellen"
 Teil des allgemeinen
Lebensstandards wurden.